Medienecho
Freitag, 25. Mai 2007
Gastkommentar im Medianet

Aus Mangel an Beweisen?

Ein neuer Kurzbericht (die Studie selbst erscheint erst im Sommer 2007) des HIS Hochschul-Informations-Systems erhält derzeit mediale Aufmerksamkeit. Es handelt sich um eine Auftragsforschung des Bundesministerium für Bildung und Forschung und stellt eine repräsentative Stichprobe aller deutschen HochschulabsolventInnen (ohne Bachelor-Abschlüsse) dar.

Die Plattform Generation Praktikum hat in Österreich im Jahr 2006 eine nicht-repräsentative Erhebung durchgeführt und kommt dennoch in vielen Aspekten zu ähnlichen Ergebnissen. Es folgt eine Gegenüberstellung:

Auch AbsolventInnen sind PraktikantInnen
Der deutsche HIS-Bericht stellt fest, dass durchschnittlich jede/r siebente Uni-AbsolventIn ein oder mehrere Praktika nach Abschluss absolviert, bei den PsychologInnen ist es jede/r Fünfte/r, bei den Sprach- und KulturwissenschaftlerInnen sogar jede/r Vierte/r.
Die österreichische Plattform-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass jede/r zweite AbsolventIn ein oder mehrere Praktika absolviert. Diese Gruppe ist auch jene, die sich am stärksten ausgenützt vorkommt.
Diese Zahlen vermitteln, dass Praktika schon lange keine Ausbildungsverhältnisse mehr darstellen, wenn junge fertig ausgebildete Menschen diese als Beschäftigung meist aus Mangel an Alternativen annehmen. Ein schlecht bis gar nicht abgesichertes Arbeitsverhältnis trifft diesen Umstand schon eher.

„Generation Praktikum" ist tendenziell weiblich
Nach dem HIS-Bericht ist fast ein Drittel der Wirtschafts-, Sprach- und Kulturwissenschaftlerinnen betroffen. Männer aus diesen Fachrichtungen machen deutlich weniger Praktika. Aus unserer Studie geht ebenso hervor, dass Frauen mehr Praktika machen, und dies auch häufiger unbezahlt.

Wertlose Arbeit
Nach dem HIS-Bericht wurde ein Drittel der Uni-AbsolventInnen-Praktika nicht vergütet. Die Plattform-Studie kommt ebenfalls zu diesem Schluss, speziell im Sozial- und Gesundheitswesen und im Medienbereich findet unbezahlte Arbeit statt.

Praktika-Schleife nein? Phänomen ja!
Auch wenn es die sogenannte „Praktika-Schleife" nach dem HIS-Bericht nicht geben soll: Praktika sind aus dem Arbeitsalltag vieler Branchen, speziell im Medien-, Werbung und Marketingbereich nicht wegzudenken und Bestandteil kühler Kalkulation. Traurig sieht es auch bei der arbeitsrechtlichen Stellung von PraktikantInnen aus: genau in diesen Praktika-Branchen fehlen großteils kollektivvertragliche Regelungen. Verdachtsmomente für Prekarität gibt es also genug.

Anna Schopf, Initiatorin der Plattform Generation Praktikum (www.generation-praktikum.at)
medianet, Donnerstag, 24. Mai 2007