Medienecho
Sonntag, 05. August 2007
Medienecho zur Studie "Arbeit ohne Wert"

Der Falter brachte anläßlich der Plattform Studie "Arbeit ohne Wert" eine Reportage über die PraktikantInnen-Situation, auch der Standard befasste sich mit den Ergebnissen

Falter Nr. 28/07

Billig, willig, Praktikant
Dumping Sie arbeiten hart und verdienen nichts. Eine neue Studie zeigt, wie Akademiker als Praktikanten ausgebeutet werden – und sich darüber nicht mehr beklagen. Experten warnen vor der Demontage des Arbeitsrechts.

Was er so macht? Darauf antwortet Paul S. mit einem gequälten Lächeln und meint, er sei „Filmschaffender“. Dann versucht er, das Thema zu wechseln. Denn wer will schon von sich erzählen, dass er als 28-Jähriger mit abgeschlossenem Publizistikstudium am Set den Kaffee holt? Paul S. jedenfalls nicht. Er hat so viele Praktika absolviert, dass er sich gar nicht an alle erinnern kann. „So zehn, 15 werden es sein.“ In seinem Lebenslauf stehen allein sieben aus der Filmbranche. Zwischendurch jobbte Paul S. auch in besseren Positionen, etwa als Regieassistent. Seinen Fuß bekam er aber nie in die Tür. Stattdessen hörte er: „Wir haben schon jemanden. Wie wäre es mit einem Praktikum?“ Beim vorletzten Mal bekam der 28-Jährige 300 Euro im Monat, vom letzten Praktikum hat er das Geld noch nicht gesehen. Klar fühlt er sich ausgebeutet – schlimmer, er fühlt sich wertlos. Er sagt: „Ich gehöre der Generation Praktikum an.“
Diesen Begriff prägte die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Als Deutschland 2005 kollektiv Trübsal blies, weil weder Geld, Arbeitsplätze noch Zukunft in Sicht waren, rief ein Artikel die „Generation Praktikum“ aus. Gemeint war damit jene Horde junger Menschen, die trotz voller Lebensläufe und Hochschulabschluss keinen Job finden, sondern von einem Praktikum zum nächsten ziehen. Hierzulande ging es Anna Schopf so ähnlich. Nach ihrem Soziologiestudium tingelte sie vom Museum zur Kulturplattform, von der Kulturplattform zum Forschungsinstitut – hier machte sie ein Praktikum, dort ein Volontariat, beim dritten zahlte das AMS ein Arbeitstraining. Am Ende wollte sie auswandern. „Dann habe ich aber über meinen Tellerrand geschaut und gemerkt, dass es vielen ähnlich geht.“ Sie legte sich die Website www.generation-praktikum.at zu und gründete die gleichnamige Plattform. Von Woche zu Woche schauten mehr Internetuser vorbei – Schopf startete eine Onlineumfrage. Über 400 Leute nahmen daran teil. Auch wenn die Studie nicht repräsentativ ist, ist sie die erste großangelegte Erhebung über die heimischen Praktikanten. Gemeinsam mit Co-Autor Paul Ringler veröffentlicht Schopf ihre Ergebnisse nun im Falter. Das Resümee der beiden Soziologen: Praktika sind nicht immer ein Übel. „Die Gefahr der Praktika ist, dass sich manche zu viel davon erwarten und dass das Praktikum den Ausbildungskontext verlässt“, meint Schopf. Vor allem jene Praktika, die nicht mehr dazu dienen, jemandem etwas beizubringen, sondern ihn auszubeuten, sind problematisch. „Das klassische Schnupperpraktikum gibt es kaum noch. Zwei Drittel meinen, sie leisten das Gleiche wie ihre Kollegen.“ Statt sich eine Urlaubsvertretung zu leisten, setzen Unternehmen oft Praktikanten an den Tisch. Und statt für Projekte vollwertige Arbeitskräfte zu engagieren, lagern viele Organisationen die Verantwortung auf billige Studenten und Absolventen aus. Gerade Letztere fühlen sich dabei häufig ausgenützt.
Auch Andrea Rauscher kann Praktika nach dem Studium nichts abgewinnen. Die Publizistikabsolventin bewarb sich bei einem größeren Medienunternehmen, bei dem sie schon als Studentin ein Praktikum absolviert hatte. Doch ihr wurde abermals nur eine Schnupperstelle angeboten. „Es hieß, ohne Praktikum bekommt man keinen Job“, erzählt sie. Für 500 Euro im Monat schlüpfte die 27-Jährige wieder in die Rolle der Praktikantin. Danach hieß es, sie solle ein weiteres Praktikum in einer anderen Redaktion machen. Rauscher folgte. „Gelernt habe ich nichts mehr.“ Nach mehreren Monaten im Unternehmen war sie ihrer Anstellung keinen Schritt näher. Sie beschloss, sich nicht weiter als Hilfskraft hinhalten zu lassen, sondern wieder Bewerbungen abzuschicken.
Vielen geht es ähnlich wie Rauscher: Zwei von drei Absolventen, die ein Praktikum machten, fühlen sich ausgebeutet. Mit der Hoffnung, übernommen zu werden, gehen sie voller Elan in ihre neue Aufgabe. Doch in neun von zehn Fällen ist es nur geborgte Zeit, die sie mit dem Unternehmen verbindet. Manchen ist das temporäre Billigjobben aber noch lieber als die Arbeitslosigkeit. „Für das Selbstbewusstsein ist es besser, wenn man wenigstens ein Praktikum hat“, meint der Politikwissenschaftler Georg Pilz. Er hat zuletzt ein Arbeitstraining am Institut für Konfliktforschung absolviert – dort war er ein Gratismitarbeiter, das AMS zahlte ihm 600 Euro im Monat. Eine Anstellung ergab sich für den 26-Jährigen nicht. Er greift jetzt nach einem neuen Strohhalm: Ein halbes Jahr wird er als Praktikant bei einem EU-Parlamentarier arbeiten. Pilz kann sich das gerade noch leisten, weil er zusätzlich zu dem niedrigen Verdienst ein Stipendium der Bruno-Kreisky-Stiftung bekommt. „Es ist ein Nullsummenspiel.“ Nach Brüssel wird kein Geld übrig bleiben. Der Politikwissenschaftler will sich gar keine großen Hoffnungen machen. „Dass sich daraus eine Anstellung ergibt, glaube ich nicht.“ Kurz nach ihm kommt schon der nächste Praktikant.
Viele Unternehmen besetzen stets einen Posten mit Praktikanten, manche verstehen die Auszubildenden als normale Arbeitskraft. „Ich habe in meinem Unternehmen alleine einen Prototypen entwickelt. Das wäre ein normaler Job gewesen“, regt sich der Mobile-Computing-Student Arnold Ahrer auf. Weil sein FH-Studium ein Praktikum vorschreibt, willigte er ein, für 480 Euro im Monat zu jobben. Immer mehr jungen Menschen geht es wie ihm: Zunehmend führen auch Unis die verpflichtende Berufserfahrung ein. Wer sich aus der Masse der Mitstreiter hervorheben möchte, wirft sich umso mehr ins Zeug. Jeder sechste Praktikant macht Überstunden. Besonders Frauen beuten sich selbst aus. Sie machen im Schnitt mehr Praktika und arbeiten öfters unbezahlt. Nicht nur, weil sie häufig die überlaufenen Geistes- und Sozialwissenschaften studieren. Selbst in technischen Fächern gibt es einen Graben zwischen den Geschlechtern. Während nur jeder vierte Informatikstudent ein freiwilliges Praktikum macht, sind es bei den Kolleginnen mehr als die Hälfte. Das brachte eine Studie der Forschungsinstitute Sora und abif hervor. Sora-Forscherin Isabella Kaupa hat dafür folgende Erklärung: „Offensichtlich reicht es bei Männern, dass sie studiert haben. Frauen müssen es auch noch beweisen.“
Insgesamt haben Praktika aber einen guten Ruf. Zwar fühlt sich ein Drittel aller Befragten ausgebeutet, doch neunzig Prozent würden alle oder einige der absolvierten Praktika wiederholen. Wer jung ist und wie die meisten Praktikanten von den Eltern unterstützt wird, kann sich auch eine Zeit lang ausbeuten lassen. Das ist der Deal, den viele Studenten abschließen: Sie arbeiten zu einem Billiglohn, aber sie bekommen dafür einen immateriellen Wert – Erfahrung, Kontakte, eine Zeile mehr im Lebenslauf. Matthias Eder meint kühl: „Das ist ein Trade-off. Damit man später einen guten Job bekommt, arbeitet man ein halbes Jahr gratis.“ Der 25-Jährige hat ein Politikwissenschaftsstudium abgeschlossen, nun studiert er an der Diplomatischen Akademie und absolviert eines der unbezahlten Praktika bei der Uno.
Nur zehn Prozent der Praktikanten bekommen auch die oft ersehnte Anstellung. Walter Hassler ist einer von ihnen. Kurz bevor er sein Studium der Internationalen Betriebswirtschaft abschloss, ging er beim Wirtschaftsprüfer Deloitte schnuppern. „Ich war für drei Monate dort. Am Ende hat mein Chef gemeint, er würde mich fix übernehmen.“ Sein Praktikum erfüllte statistisch gesehen alle Kriterien, die das Karrieremachen fördern. „Wer angestellt wird, über 700 Euro verdient, gut integriert ist und gleichwertige Arbeit verrichtet, wird tendenziell eher übernommen“, sagt Studienautorin Schopf. Einziger Haken: In vielen Branchen gibt es solche luxuriösen Konditionen kaum. Im Bereich Forschung, Kunst, Medien und Soziales sind Praktika sehr oft nicht bezahlt. Trotzdem werden diese Sparten überrannt. Die Hilfsorganisation Care zahlt zum Beispiel eine kleine Aufwandsentschädigung, aber das auch nur für die Langzeitpraktikanten. Trotzdem hat sie 200 Bewerber im Jahr. Ein Drittel aller Studienteilnehmer arbeiteten auch gratis. Die Studienautorin ist skeptisch, ob sich diese Arbeiter für die gute Sache damit selbst etwas Gutes tun: „,Finger weg von unbezahlter Arbeit!‘ Das kommt einem schon in den Sinn, wenn man sich die Daten ansieht.“

Da die Praktikanten selbst viele ausbeuterische Situationen annehmen, fordert die Generation Praktikum rechtliche Mindeststandards. „In jedem Kollektivvertrag soll drinnenstehen, dass die Praktikanten nur zu Ausbildungszwecken eingesetzt werden dürfen und dass es eine soziale Absicherung geben muss“, meint Schopf. Das Praktikum soll nur eine Ergänzung zum Studium sei. „Praktika für Absolventen gehören abgeschafft“, meint sie. Stattdessen schlägt sie abgesicherte Einstiegsjobs für Jungakademiker vor. Die Soziologin selbst ist heute aus dem Schneider. Sie hat einen richtigen Job beim Forschungsinstitut des Wiener Roten Kreuzes und gehört nicht mehr zur Generation Praktikum. Gibt es die überhaupt?
In Deutschland widersprach die erste repräsentative Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) den hysterischen Medienberichten. Demnach absolvierte nur jeder achte FH- und jeder siebte Uniabsolvent nach dem Studium ein Praktikum. Auch laut der Zeit sind Praktika heute „mehr Chance als Schicksal“. Anna Schopf ärgert solch mediales Mäandern. „Entweder man negiert das Problem komplett, oder man redet von einer ganzen Generation.“ Sie weist darauf hin, dass selbst laut HIS-Studie jeder vierte Sprach- und Kulturwissenschaftler die Karriere als Praktikant startet. In ihren Augen werden viele Praktikanten nicht fair behandelt – und ein Drittel der Befragten stimmen ihr zu. Von einer ganzen Generation, die in einer Endlosschleife in Praktika gefangen ist, kann in Österreich keine Rede sein. Wenn auch immer mehr Absolventen nach ihrer Ausbildung ein Praktikum machen. „Das ist ein neuer Arbeitsmarkt, der sich gefährlich öffnet“, meint Arbeiterkammer-Experte Josef Leitner. Hinter dem Phänomen steht ein weit größeres Problem: die steigende Akademikerarbeitslosigkeit und die Selbstausbeutung in umkämpften Branchen wie der Kreativwirtschaft. Für die Betroffenen ist das hart. „Wir sind moderne Sklaven“, meint Paul S. Aber das stimmt so nicht ganz. Denn niemand zwingt Paul S., immer und immer wieder als Praktikant anzuheuern. Der 28-Jährige hat jetzt einen Schlussstrich gezogen. Statt Kaffee zu holen, arbeitet er nun auf Werkvertragsbasis als Lektor. Das ist auch kein Leben, aber es ist mehr als ein Praktikum.
Falter, Ingrid Brodnig, Nr. 28/2007, 11.07.2007

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Jeder dritte Praktikant arbeitet ohne Bezahlung
Zwei Drittel glauben laut einer Online-Umfrage jedoch, dass sie gleiche Arbeit leisten wie regulär angestellte Kollegen

Wien – Jeder dritte Praktikant bekommt für seine Tätigkeit nichts bezahlt. Dies geht aus einer Online-Umfrage des Vereins "Generation Praktikum" hervor. Ausgewertet wurden 288 Fragebögen, ausgefüllt von Studentinnen und Studenten der verschiedensten Fachrichtungen, die sich auf der Homepage des Vereins eingefunden hatten (die Stichprobe ist daher nicht repräsentativ für alle Studenten in Österreich).
Vierzig Prozent der Teilnehmer an der Umfrage gaben dabei an, dass ihr Praktikum mit zwischen 100 und 700 Euro pro Monat abgegolten wurde, ein Viertel verdiente mehr als 700 Euro.

Graubereich
Aus der Umfrage geht weiters hervor, dass zwei Drittel der Auskunftspersonen der Ansicht sind, dass ihre Tätigkeiten als Praktikanten gleichwertig waren mit jenen der Kollegen, die einen regulären Arbeitsvertrag haben. Laut den Studienautoren, den Soziologen Anna Schopf und Paul Ringler, habe ein knappes Drittel der Befragten sogar angegeben, sie fühlten sich "ausgenützt", der Ausbildungsstatus hätte eine nur untergeordnete Rolle gespielt. Ein Zusammenhang zwischen dem Entgelt und dem Gefühl des Ausgenütztwerdens sei festzustellen gewesen. Darüber hinaus sei ein Drittel der Praktikanten nicht darüber aufgeklärt worden, in welchem Beschäftigungsverhältnis (Anstellung, freier Dienstnehmer, Werksvertrag etc.) man gestanden ist – die Autoren sprechen von einem "arbeitsrechtlichen Graubereich".
81 Prozent jener Befragten, die ohne Entgelt arbeiten mussten, wurden von den Eltern weiter finanziell unterstützt. 53 Prozent erhielten Beihilfen, 50 Prozent griffen auf Erspartes zurück. Ein Viertel hatte einen weiteren Job. Frauen müssen laut Umfrage öfters unbezahlte Praktika annehmen als Männer (36 zu 23 Prozent). Im Durchschnitt dauert ein Praktikum zwei bis drei Monate. In den meisten Fällen musste 31 bis 40 Stunden pro Woche gearbeitet werden, jeder Siebente leistete Überstunden.

Erfahrung und Interesse als Motivation
40 Prozent der Befragten mussten ein Pflichtpraktikum (etwa im Zuge eine Fachhochschulausbildung) machen, Hauptmotivation waren aber eindeutig Praxiserfahrung und Interesse.
Das gesamte Umfrageergebnis kann ab sofort über die unten angeführte Webadresse der Studienautoren bezogen werden.
DER STANDARD, Leo Szemeliker, Print-Ausgabe, 13.7.2007