Aktuelles
Freitag, 06. November 2009
Was die Protestbewegung heute mit den Berufseinstiegsbedingungen von morgen zu tun hat

Die Studierenden sind unzufrieden, mit den Studienbedingungen und mit der Situation danach. Einige der Forderungen der derzeit stattfindenden Protestbewegung auf den Unis sind inhaltlich mit den Anliegen der Plattform Generation Praktikum verschränkt. Ein Kommentar von Regina Gottwald und Paul Ringler.

Praktika reichen von unbezahlter Schwarzarbeit bis zu regulären Anstellungsverhältnissen. Obwohl es „das typische Praktikum“ nicht gibt, ist es klar, dass der Anteil derer, die ihr Praktikum unter prekären Umständen (mangelnde, bis keine soziale Absicherung bzw. Entlohnung) absolvieren, bedeutend ist. Betroffen sind davon StudentInnen genauso wie AbsolventInnen, an Unis wie FHs.

Die Umstrukturierung der Universitäten im Rahmen des Bologna-Prozesses hat - beeinflusst von der Lissabon-Strategie der EU - zu einer stärkeren Ausrichtung der Studienpläne auf die Bedürfnisse des privatwirtschaftlichen Arbeitsmarktes geführt. Die grundsätzliche Entscheidung nach der Ausrichtung der Universitäten scheint somit bereits getroffen. Die gesellschaftliche Diskussion über die Verwertbarmachung oder Vermarktung von auf den Hochschulen erworbenem Wissen in berufliche Qualifikationsprofile hat allerdings noch nicht ausreichend stattgefunden.

Dem Bestreben mit den neuen, kürzen Bakkalaureat-Studien vermehrt qualifizierte  „WissensarbeiterInnen“ für den Arbeitsmarkt auszubilden und die entsprechende Praxisorientierung in die Curricula zu integrieren, wurde unter anderem mit der Einführung von Pflichtpraktika versucht entgegenzukommen. Durch mangelnde Kontrolle, Betreuung und Organisation von Seiten der Universität verstärkt dies jedoch die bereits bestehende Problematik der Prekarisierung und des Lohndumpings am (Praktika)-Arbeitsmarkt, da hier ein künstliches Überangebot an billigen Arbeitskräften geschaffen wird.

Im Gegensatz zu Fachhochschulen, welche die Studierenden für die Absolvierung von Pflichtpraktika oft bis zu einem ganzes Semester vom Unterricht frei stellen, wird die Absolvierung von Praktika an den Universitäten oft extra-curricular gefordert, d.h. ohne entsprechende Einbindung in ein Ausbildungsmodul und/oder ohne dass dem Arbeitsaufwand dafür entsprechende ECTS Punkte zugewiesen werden. Das führt mitunter dazu, dass Studierende - vor allem jene die bereits neben dem Studium Erwerbstätigkeit sind - durch Pflichtpraktika in ihrem Studienfortschritt behindern werden. Wenn Pflichtpraktika in einem sehr verschulten Studienplan mit zu strengen Voraussetzungsketten noch zusätzlich gefordert werden, ist ein Auskommen in Mindeststudienzeit jedoch nur schwer möglich und bringt nicht selten auch finanzielle Probleme mit sich.

Die Plattform Generation Praktikum kann sich einigen der aufgestellten Forderungen der Audimax-Protestbewegung (vom 30.10.2009) inhaltlich anschließen. Aus unserer Perspektive heraus können wir diese zudem ergänzen:

"Vollfinanzierung der Universitäten durch den Staat um deren wirtschaftliche Unabhängigkeit zu garantieren."
Den Universitäten muss mehr Geld zur Verfügung stehen um auch die Qualität von Praktika zu gewährleisten. Will man Pflichtpraktika einführen sollen diese auch entsprechend vorbereitet, begleitet und betreut werden. Dies kann durch Maßnahmen wie Lernvereinbarungen mit Unternehmen, arbeitsrechtliche Beratung für StudentInnen, der verstärkte Einsatz von Career Centers und durch Unterstützung der StudentInnen bzw. PraktikantInnen bei Vernetzung und Erfahrungsaustausch geschehen. Wenn schon Studienpläne stärker auf praxisbezogene Ausbildung orientiert werden, dann müssen auch die notwendigen Ressourcen und Rahmenbedingungen bereitgestellt werden um Pflichtpraktika sinnvoll absolvieren zu können.

"Beseitigung prekärer Arbeitsverhältnisse im Bildungsbereich"

Wir schließen uns auch dem Unterpunkt der Forderung nach Vollfinanzierung der Universitäten an, in dem nach Beseitigung prekärer Arbeitsverhältnisse im Bildungsbereich verlang wird. Prekär sind Praktika nicht nur in Hinblick auf Arbeitsbedingungen und Zukunftsperspektiven, es gibt auch noch immer keine klaren rechtlichen Grundlagen für dieses Arbeits- und Ausbildungsverhältnis. Es sollten deshalb in allen Bereichen und sowohl für Pflicht-, also auch für freiwillige Praktika Mindeststandards in Bezug auf Dauer und Entlohnung festgesetzt werden, die eine soziale Absicherung der betroffenen StudentInnen und AbsolventInnen gewährleisten.

"Selbstbestimmtes Studieren im Sinne von freier Studiengestaltung"
Angesichts von verschulten Studienplänen ist die Bindung des Studienfortschrittes an ein Pflichtpraktikum nur bedingt sinnvoll. Ein Mangel an freien Pflichtpraktikumsplätzen führt einerseits zur Absolvierung von Scheinpraktika, die nur dem Scheinerwerb, aber nicht dem Qualifikationserwerb dienen. Andererseits wird akademische Qualifikation entwertet, wenn PraktikantInnen die gleiche Arbeit leisten wie ihre regulär beschäftigten KollegInnen (Schopf und Ringler, 2007) leisten, aber durch den unterstellen Ausbildungscharakter wesentlich schlechter bezahlt und abgesichert sind. Gerade deswegen ist der klare Ausbildungsbezug von Praktika in Zukunft noch stärker zu herauszuarbeiten.
Studierende sollten weitgehend selbst bestimmen können, ob und wann sie ein Pflichtpraktikum – sei es zur beruflichen Orientierung oder zur Weiterqualifizierung – absolvieren wollen. Wenn dabei ein starker Bezug zum Studium gegeben ist und damit relevante Lernziele erreicht wurden, sollte der für ein Praktikum - unabhängig davon ob es verpflichtend absolviert wurde oder nicht - verwendete Zeit- und Arbeitsaufwand zumindest teilweise als Studienleistung angerechnet werden können, etwa im Rahmen freier Wahlfächer.


Es ist notwendig die Vorschläge und Kritik der protestierenden Studierenden Ernst zu nehmen. Sie sind wichtiger Impuls für die überaus notwendige Bildungs- bzw. Hochschuldiskussion.