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Sonntag, 08. Jänner 2012
"Without young people there is no recovery from the crisis"

Die vom European Youth Forum gemeinsam mit der OECD organisierte Konferenz "Youth Employment - A Call For Change" Mitte Dezember in Paris machte die angespannte Lage am Arbeitsmarkt und die Schwierigkeiten für junge Menschen in Europa deutlich. Praktika waren ebenso das Thema. Am prägnantesten formulierte Sharan Burrow, die Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes, die Problematik: "Unpaid internships are a crime: It’s stealing people’s labour!"
Eine Zusammenfassung von Anna Schopf.

Quality charter for internships, Panel discussion

Die Konferenz "Youth Employment - A Call For Change" deckte ein weites Themenspektrum der Jugendbeschäftigung, wie den Eintritt in den Arbeitsmarkt, Qualifikationen und Fähigkeiten (skills), Jugendarbeitslosigkeit, Jugendarbeit, Mitsprachemöglichkeiten von jungen Menschen, etc. in Europa ab. VertreterInnen aus Jugendorganisationen, Gewerkschaften, Bürgerbewegungen, Journalisten, Praktikaorganisationen, Sozial- und  Wirtschaftswissenschafter und VertreterInnen der OECD diskutierten zwei Tage lang, welche Möglichkeiten sich finden lassen um jungen Menschen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Dramatische Jugendarbeitslosigkeit in Europa
Die Arbeitsmarktsituation in Spanien und Griechenland ist sehr angespannt, aber auch in anderen EU-Ländern besteht eine hohe Jugendarbeitslosigkeit (meist 3-5x so hoch wie die normale Arbeitslosenrate). Wie der englische Journalist Shiv Malik es ausdrückte gehe es nicht mehr den Lebensstandard der Eltern zu übertreffen, sondern deren Standard zu halten (in den 60igern hieß es “we want more” heute ist “We want the same” das Motto).
Junge Menschen würden von der Wirtschaftskrise mehrfach betroffen: erstens würden Arbeitgeber weniger neue (junge) Beschäftigte einstellen, die Tendenz für (ältere) ArbeitnehmerInnen Job zu wechseln sinkt in Krisenzeiten, und Jüngere bekämen darüber hinaus befristete und weniger abgesicherte Arbeitsverträge. In Spanien würden beispielsweise ArbeitnehmerInnen über 40 Jahren gute Verträge besitzen, während Jüngere oftmals nur die Möglichkeit hätten befristete Arbeitsverträge zu bekommen. Die Folgen daraus: ein höherer Anteil von Langzeitarbeitslosigkeit, Insider (entspricht ältere ArbeitnehmerInnen), die ihre Rechte verteidigen und Outsider (meist junge Menschen), die am Arbeitsmarkt schwer Fuß fassen können.

Einblick in die griechische und spanische Situation
Der griechisch-britische Journalist Kyriakos Chatzistefanou beschrieb die derzeitige griechische Situation sehr drastisch: die Protestbewegung hat die heutige Situation, die einen Angriff auf das demokratische System darstellt, schon vor Jahren vorhergesagt: Die derzeitige Regierung ist nicht gewählt (illegal) und stellt eine „economic occupation“ dar, die Medien unterdrücken die öffentliche Debatte (durch Ignorieren, Kriminalisieren) als auch ein hohes Maß an Polizeigewalt kommt zum Einsatz.
Der Spanier Andrés Villena Oliver schilderte die Handlungsfelder der 15. Mai Bewegung und fordert mehr partizipative Demokratie. Beim Wohlfahrtstaat ginge es letztendlich immer um Umverteilung, und die funktioniert über Reformen im Bereich von Steuern und Abgaben.

Schwedisches Mismatch
Aber auch Länder wie Schweden, die in der Diskussion oft als Musterbeispiele herangezogen werden, haben bei näherer Betrachtung Probleme. Malin Sahlén, Wirtschaftswissenschafterin und Buchautorin schilderte die Mismatch-Folgen am schwedischen Arbeitsmarkt: aufgrund der hohen Arbeitsschutzbestimmungen, als auch Bestimmungen, jeweils die letzt angestellten ArbeitnehmerInnen zu kündigen (dies trifft meist die Jüngeren), sowie sehr hohen Mindestlöhnen (diese machen 90% des Durchschnittsgehalts aus) würden Ältere nicht wechseln, Jüngere nehmen oft nicht ausbildungsadäquate Stellen in Kauf um überhaupt eine Arbeit zu haben. Derzeit liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Schweden bei 25 Prozent. Zwei weitere Gründe führt Malin Sahlén an: die Arbeitsvermittlung des Arbeitsamts würde nicht funktionieren, als auch der privatwirtschaftliche Sektor hat in den letzten Jahrzehnten so gut wie kein Wachstum erfahren.

PraktikantInnenbeschäftigung in Europa – „Who wants to work illegal?“
Die vom European Youth Forum mit vielen anderen Organisationen entwickelte Quality Charter für Praktika wurde bei der Konferenz präsentiert. Ausgehend von Film „Internview“ wurden die Eckpunkte und die zentralen Prinzipien von Thiébaut Weber, Mitglied der europäischen Jugendgewerkschaft (ETUC) vorgestellt. Er betonte, dass die Charter den Beginn von Veränderungen darstelle und es nun darum gehe national als auch europäisch die Charter umzusetzen.
Danach diskutierten drei VertreterInnen von Praktika-Organisationen aus England, Italien und Österreich. Eleonora Voltolina von Repubblica degli Stagisti geht von mehr als 500.000 PraktikantInnen in Italien aus. Sie schilderte, dass die Region Toskana ein PraktikantInnengesetz beschlossen hat um die Qualität von Praktika zu sichern.
Ben Lyons von  Intern Aware erzählte von ersten Erfolgen: unbezahlte PraktikantInnen bei (EU-) PolitikerInnen wurden aufgedeckt, Praktika-Auktionen (in dem Arbeitgeber das Praktikum an den meistbietenden PraktikantInnen „verkaufen“, etwa 300 Euro/Tag) würden weniger werden. Er sieht vor allem ein Problem, dass nur noch Kinder von wohlhabenden Eltern Praktika sich leisten können. Auf die Frage, wenn es doch kein Geld für PraktikantInnen gebe, meint er dann müsse die Firma noch wachsen und dann erst einen bezahlten PraktikantInnen einstellen. Denn es besteht eine Korrelation von bezahlten Praktika und deren Qualität, diese würden für den Praktikanten als auch dem Arbeitgeber Vorteile bringen.
Anna Schopf von der Plattform Generation Praktikum erläuterte, warum die Jugendbeschäftigung aufgrund des dualen Ausbildungssystems im Bereich der Lehrlingsausbildung in Österreich besser ist, als in anderen Ländern, die Situation im Hochschulbereich aber mit 30.000 bis 40.000 PraktikanInnen pro Jahr (plus 60.000 PraktikantInnen im Schulbereich) sich problematisch darstellt.
Ebenso ging Anna Schopf auf die absurde Situation ein, dass es heutzutage extrem schwer ist das allererste Praktikum zu finden (weil man keine beruflichen Vorerfahrung aufweist), und andererseits später Arbeitgeber BerufseinsteigerInnen mit zu vielen Praktika wiederum nicht einstellen, weil sie es nicht als berufliche Vorerfahrung anerkennen.
Die Publikumsfragen machten deutlich, dass die jungen Menschen unbezahltes Arbeiten in Praktika mittlerweile für vollkommen selbstverständlich einschätzen. Mehr noch: der Arbeitgeber wird verstanden, das unternehmerische Denken verinnerlicht. Die schlechte Arbeitsmarktsituation spielt ebenso mit, der Arbeitgeber argumentiert mit dieser Logik und der Praktikant ist noch stärker unter Zugzwang unbezahlte Praktika anzunehmen. Aus diesem Grund kommt es gar nicht zu zwei Seiten (Arbeitnehmer und -geber). Das Gegenüber fehlt. Ähnlich sieht es auch auf institutioneller Ebene aus: bis heute haben die Gewerkschaften ihr Mandat sich für PraktikantInnen einzusetzen zu wenig genützt.

Best of- Zitate der Konferenz
“Democracy is dead in its birthplace.“ Kyriakos Chatzistefanou, Journalist, BBC
There was a change of thinking in Spain from “We should have things” to “we should share things” Andrés Villena Oliver, Mitglied der 15. Mai Bewegung in Spanien
„Europe will be different in the next years.“ Jean­-Louis De Brouwer, Direktor für Beschäftigung, Europäische Kommission
„An European China is not the solution.“ Jean­-Louis De Brouwer
„Name it as it is: For a voluntary work insert employers get 10 mails, for an internship they get 1000 mails.“ Eleonora Voltolina, Repubblica degli Stagisti, Italien
 “It is time for plan B: the investment in jobs. That means look to generate jobs (care sector, technology) and offer young people a job guarantee.” Sharan Burrow, Generalsekretärin des Internationaler Gewerkschaftsbund (International Trade Union Confederation)
“Internships should only be a part of education. Renumeration should be negociated. Unpaid internships are a crime: It’s stealing people’s labour!” Sharan Burrow

Entrepreneurship – Willkommen in der Realität
Die Möglichkeit bei schlechten Arbeitsbedingungen für junge Menschen sich doch als Selbstständiger zu behaupten, wurde während der Konferenz immer wieder thematisiert. Doch was bringt es junge UnternehmerInnen dieses Risiko zu nehmen (wenige Ressourcen, Wissen und Unsicherheit), wenn die Wirtschaftslage derart schlecht ist?
Jean­-Louis De Brouwer, Direktor für Beschäftigung bei der Europäischen Kommission brachte es gegen Ende der Konferenz auf den Punkt: die Selbständigkeit würde nur drei bis vier Prozent der Probleme auf dem Arbeitsmarkt lösen. Hingegen wäre das "M-Word", nämlich Mobilität das große Thema. Diese müsste auch von der Arbeitsmarktpolitik organisiert werden.

“We will continue, we will take our future back“
In seiner Conclusio forderte der Vizepresident des European Youth Forum Luca Scarpiello eine Restrukturierung der Prioritäten die junge Menschen wieder in den Fokus der Politik rückt. Denn „without young people there is no recovery.“ Weiters betonte er „It is important to rebuild the social path, because the crisis broke it.“
Er beendete seine Rede mit Bezug auf die weitere Arbeit jungen Menschen in der Politik stärker Gehör zu verschaffen mit den Worten: „The story is not finished yet.”

Hier geht es zum European Youth Forum.